Start Martin Luther Biographie Der Reformator

Befreiung von der Vormundschaft

Luthers Bibelübersetzung auf der Wartburg, die er vom 12. Dezember 1521 bis 1. März 1522 vollbrachte, war eine Tat, die von entscheidender Bedeutung für die Reformation und für die Zukunft unseres Volkes wurde. Goethe charakterisierte das Werk mit den Worten: „Luther arbeitete, uns von der geistigen Knechtschaft zu befreien und begründete die deutsche Nationalsprache, auf der unser Nationalbewusstsein und die Einheit des deutschen Geistes und der deutschen Kultur beruhen."
Zu Beginn des Jahres 1522 kommt es in Wittenberg zu Unruhen. Luther verließ die Wartburg und zog am 6. März 1522 in Wittenberg ein. Man erkannte ihn nicht, denn der Junker mit dem Federbarett und dem Schwert an der Seite ähnelte so gar nicht dem Doktor Luther. Im Augustinerkloster fiel der wallende Bart, und die weltliche Kleidung wurde mit der Mönchskutte vertauscht. Innerhalb weniger Tage gelang es Luther, die geistige Führung in der Stadt an sich zu bringen.
In Nürnberg, wo das „Reichsregiment" tagte, forderten die katholischen Stände die Vollstreckung der Reichsacht und die Verhaftung Luthers. Aber die lutherfreundliche Partei bekam Auftrieb, denn dessen Autorität hatte ja Unruhen beigelegt. Deshalb lautete der Schluss: „Das Wormser Edikt ist nicht durchführbar". Luther blieb unbehelligt unter dem Schutz Friedrichs des Weisen. Im März 1523 erschien Luthers Schrift „Von weltlicher Obrigkeit und wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei", deren Grundtenor besagt: „Ein Christ lebt sowohl im geistlichen Reich, über das Gott herrscht, wie auch im weltlichen Reich, das die Obrigkeit mit ihren Gesetzen regiert." Diese Obrigkeit bestrafte im Auftrag Gottes die Bösen mit dem ihr verliehenen Schwert.
Die Zwei-Reiche-Lehre stelle eine Weiterführung des Reformprogramms dar. Indem Luther allein der Obrigkeit das Recht zusprach, im weltlichen Reich zu regieren, wies er alle Herrschaftsansprüche der Kirche zurück. Er befreite die „Welt" von der geistigen und politischen Vormundschaft der römischen Kirche. Weitere Reformvorschläge betrafen das Kircheneigentum, das Bildungswesen und die Bekämpfung des Wuchers. Seine Stellungnahmen zu den Problemen der Zeit kamen den
Bedürfnissen breitester Schichten der Bevölkerung entgegen. Vor allem das wohlhabende Bürgertum profitierte in der Hauptsache von diesen Fortschritten. Ärmere Schichten der Stadtbevölkerung und vor allem die Bauern gingen fast überall leer aus. Der Liebe zur Musik, die Luther beispielsweise in der Eisenacher Kurrende praktizierte, verdanken wir viele Lieder und Choräle, die teilweise nicht nur religiöse Gesänge sind. Das Volk sang sie in den Schenken, auf den Märkten und Festen. Welche Bedeutung Luthers Liedern zukommt, zeigt der um 1527 entstandene Choral „Eine feste Burg ist unser Gott".
Mit gewaltigen Worten gab Luther darin den Gläubigen Zuversicht und eine wichtige Waffe im Kampf für die neue Lehre, im Kampf gegen die römische Kirche. Die Ausbreitung der Reformation war nicht zu stoppen. Sie hatte die Grenzen Deutschlands überschritten. In Frankreich, England, den Niederlanden, Dänemark, Ungarn und sogar in Lettland und Estland rief sie Veränderungen hervor. Vom kleinen Wittenberg aus zog die neue Lehre in die große Welt.


Karl-Heinz DIETZE

 

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